Landscapes handscapes

 

Ausstellung landscapes – handscapes, etwas kühn übersetzt in Landschaften und Handlandschaften mit Arbeiten von Karolin Hägele und Ina Mayer.

 

Die Künstlerinnen haben einige Gemeinsamkeiten. Sie habe beide an der UdK in Berlin studiert. Karolin Hägele bei Marvan, Ina Mayer bei Herbert Kaufmann und Leiko Ikemura.

 

Und beide interessieren sich für Landschaften und Räume, aber in sehr verschiedener Weise.

 

Ina Mayer hat nach ihrem Studium zunächst gemalt und Objekte und Skulpturen geschaffen. Vor mehr als 20 Jahren hat sie ihre künstlerische Ausdrucksweise verändert und zu der Form gefunden, deren Ergebnisse hier in der Ausstellung zu sehen sind. Die Anregung zu dieser Form von Gestaltung, die sie als Fotomosaike bezeichnet, habe sie durch die Beschäftigung mit dem Medium Film bekommen. Vielleicht ist es berechtigt, die Vorstellung von Raum hier im Sinne von Zeitraum zu erweitern oder noch besser als Zeitlauf. Denn in vielen ihren Arbeiten sehen wir Schleifen, Bahnen, Hinweise auf Verrichtungen im Tages- und Lebensverlauf.

Ihre Arbeiten haben einen all- over Charakter. Leinwand, Karton oder Holz sind über die komplette Fläche gefüllt mit Ausschnitten von Fotographien und malerischen Elementen.

Dabei spielt die Hand eine zentrale Rolle. Die Hand gilt als das besondere Werkzeug des Menschen. In ihren Arbeiten sehen wir Fotos ihrer eigenen oder fremder Hände in verschiedenen Tätigkeiten: es werden Handarbeiten gemacht, gebacken, gebügelt, gesammelt, überbrückt musiziert und auch gebetet. Dabei überwiegen als weiblich konnotierte Tätigkeiten.

 

Die Titel ihrer Arbeiten geben einen Hinweis auf ihre Thematiken: es geht um den „roten Faden“. Andere Titel lauten „Spuren, schweben, transponding, Fremdwohnen, Tagwerke, Schatzkammer, Erfüllungen“. Es gibt mehre Arbeiten mit dem Titel „Gebetsteppich“.

Es geht dabei um verschiedene Facetten des Lebens – im ganz konkreten Sinne der Hände Arbeit aber darüber hinaus im geistigen Sinne – der Verbindung mit der Natur, den vielleicht übersinnlichen Spuren- worauf die Titel der Arbeiten „Tempel“ und „Gebetsteppich“ hinweisen. Eine Arbeit hat den Titel Raumpfade, der mir paradigmatisch für ihre Arbeiten vorkommt. Denn durch viele ihre Arbeiten ziehen sich oft in verschlungener Weise Bänder, Spuren, Verknüpfungen. Alles hängt mit allem zusammen.

 

Ich zitiere sie aus ihrem Statement:

„Mich inspiriert die Vorstellung einer Welt als ein ineinander verflochtenes und lebendiges Ganzes, zu dem alles untrennbar dazu gehört und in der der Mensch gleichwertig mit seiner Umgebung und der Natur ist. Ein dichtes Netz der Beziehungen und gegenseitiger Abhängigkeiten, in dem die gewohnten dualistisch-hierarchischen Ordnungen aufgehoben sind.“

 

Wir sind konfrontiert mit einer Vielzahl an visuellen Reizen, viele kleine Teile die ausgeschnitten, aufgeklebt, übermalt sind, lauter Fragmente, teils aus Landkarten oder gemusterten Stoffen entnommen.

Das Auge findet oft kein Zentrum, keine Hierarchie der Bildelemente. Bei cells and seeds ist eine Beschränkung auf wenige größere den Gesamteindruck dominierende Elemente erfolgt, zwischen denen die ausgeschütteten Samenkörner die Verbindung herstellen.

In der großen Arbeit mit bezeichnenden Titel Politour steht ein großer Platz mit einem Springbrunnen im Mittelpunkt. In Unfolding sehen wir Fotoausschnitte von Händen/Armen, die zu einer pyramidenartigen Dreiecksform gestaltet sind.

 

Ihre Arrangements sind lebhaft-vielfarbig. Sie haben oft einen ornamentalen Charakter, wobei die Elemente oft in Schleifen oder geometrischen Formen angeordnet sind. Man kann sich an orientalische Teppiche erinnert fühlen. Tatsächlich haben ja einige ihrer Arbeiten den Titel Gebetsteppich.

Sie hat ihre Arbeit selber als Fotomosaike bezeichnet und damit die Fotographie in den Mittelpunkt gestellt, die hier allerdings in einer ganz ungewöhnlichen Weise verwendet wird.

Die Mosaikstücke werden sorgfältig und mit Bedacht in eine Form gebracht. Die vielen Mosaikteilchen stammen aus nahezu allen Lebensbereichen und haben assoziativen Charakter.

Ihre Arbeiten sprechen den Betrachter in verschiedener Form an. Sie können ein Interesse auslösen, sich den vielen einzelnen Elementen und sich den sie verbindenden Linie zuzuwenden, um die Details zu erfassen.

Oder man erfasst es als Gesamteindruck als Farb – und Formgestalt, eher affektiv als kognitiv, als Ausdruck der komplexen Verschlungenheit des menschlichen Daseins.

 

 

Als Verknüpfung von Ina Mayer zu Karolin Hägele kann ich auf eine Installation von Karolin Hägele aus dem Jahr 2014 zurückgreifen, die den Titel „Alles hängt zusammen“ trägt und wohl auch etwas über die Vorstellungen der Künstlerin aussagt.

Karolin Hägele stammt aus Ravensburg, was vielleicht für ihre Neigung zum Bergthema von Bedeutung ist.

Sie nutzt verschiedene künstlerische Ausdrucksformen, von denen wir hier nur einige zeigen können: Malerei, Graphik, Installationen und Objekte.

 

Auch in ihren Arbeiten geht es um Räume: Außenräume, Landschaften und wie sie erlebt werden – und Innenräume.

In ihren Landschaften wie dem großen Bild an der Stirnseite wird nicht eine korrekte Wiedergabe der Berglandschaft angestrebt, sondern es handelt sich um die stimmungsvolle Darstellung einer Szenerie. Dabei bringt die Künstlerin in ihrer Malweise und Farbgestaltung ihre eigene innere Reaktion auf das Erleben und die Wahrnehmung dieser Bergkulisse zum Ausdruck. Ausgangspunkt ihrer Arbeiten sind Zeichnungen, die sie vor Ort anfertigt und später im Atelier, weit abseits der Berge in einem ehemaligen Industriegebiet in Oberschöneweide, in Tempera auf Leinwand ausführt.

Sind es überhaupt reale Berge, die wir auf ihren Bildern sehen? Zwar tragen sie einen Namen wie hier „Mangfallgebirge“ in den Bayrischen Voralpen. Aber sehen wir nicht eher innere Bilder einer Berglandschaft, ein Gefühlsbild, ein persönliches Erinnerungsbild, das den Charakter der beim Sehen, Erleben empfundenen Stimmung wiedergibt?

Wir sehen keine Zeichen von menschlichem Leben. Keine Straßen oder Häuser, keine stillstehende Skiliftanlagen.

Vielleicht ist der Berg eher als Symbol der reinen Natur anzusehen, seine Größe, Festigkeit, Erhabenheit. Oder die Berge als Verbindung von Erde und Himmel, dem Sitz der Götter. Das Bergsteigen als Herausforderung, des an die Grenze Gehens, der Transformation. Der Berg als Ort spiritueller Erfahrung. Gott hat Moses auf dem Berg Sinai die 10 Gebote übergeben. Buddhisten und Hinduisten wandern zum Berg Kailash in Tibet, dessen Gipfel noch nie bestiegen wurde. Selbst Reinhold Messmer hat verzichtet, ihn zu erklimmen, obwohl er die inzwischen nicht mehr vergebene Berechtigung dazu erteilt bekommen hatte.

 

Ein anderes äußeres oder inneres Landschaftsbild ist die 2025 entstandene Arbeit „Berlin“ in Tempera auf Papier. Wir sehen angedeutete geometrische Figuren von Gebäuden, eine Straße. Durch die hellen Farben, die freie Malweise und den Malgrund aus gewelltem Papier vermittelt die Arbeit etwas Leichtes. So kann offenbar Berlin auch erlebt werden, nicht nur als laute, hektische Großstadt.

 

Eine weitere Werkgruppe umfasst die 3 an Robert Rauschenberg erinnernden Kompositionen auf Karton, in Tempera ausgeführte Farbflächen, die nahezu parallel zu den Landschaftsarbeiten entstanden sind. Darin nimmt Karolin Hägele Teile der materiellen Welt, hier Holz und Draht mit in ihre Arbeiten auf.

 

Dagegen sind die abstrakten Radierungen in einer früheren Werkphase entstanden, ebenso wie die farbige Arbeit „rund“, die im Schaufenster hängt und die quadratische Arbeit auf Holz mit dem Titel „im Hintergrund“.

Die Arbeit „rund“ gehört zu einer Gruppe von Arbeiten mit geometrischen Figuren, oft Kreisen.

 

Die abstrakten Arbeiten haben informellen Charakter.

Dabei wird abstrakt verstanden als Malerei, die nicht die Absicht hat, Natur als Motiv zu sehen und nachzubilden. Also Darstellungen eher innerer Landschaften.

 

Eine der ganz frühen abstrakten Malerinnen, deren Werk aber erst spät entdeckt wurde, ist die schwedische Malerin Hilma af Klingt, die stark von Okkultismus und Theosophie geprägt war. Mystisch- naturphilosophische Denkansätze haben bei einigen der Begründer der Abstrakten Malerei eine Rolle gespielt, so auch bei Kandinsky. Eine Vorstellung der Ganzheit ohne Trennung von Materiellem und Geistigem.

 

In den Arbeiten von Karolin Hägele scheint es mir um den Ausdruck von Erfahrungen, Eindrücken in der Natur und deren Widerhall im Erleben, in der Erinnerung zu gehen, die mal mehr gegenständlich und mal -mehr auf das innere Erleben bezogen - durch abstrakte Arbeiten zur Darstellung gebracht werden. Eine Tätigkeit, die sie selber treffend als Transformation bezeichnet hat, einen Vorgang, den wir vorhin beim Bergsteigen schon gestreift haben.

 

Zuletzt möchte ich noch auf das kleine Objekt aus Holz aufmerksam machen, das bewegliche Teile enthält, so dass der Betrachter Einfluss auf die Gestaltung der Arbeit nehmen und sie variieren kann.

 

 

Worte zur Eröffnung

NH

 

 

 

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