Ich begrüße Sie zur Ausstellung „my private psycho gardening“ mit Arbeiten von Susanne Ring.

 

Susanne Ring stammt aus Mainz. Sie hat in Berlin an der HdK bei dem Fotografen, Maler und Sänger Dieter Appelt und der Bildhauerin und Objektkünstlerin Christiane Möbus Kunst studiert, zwei Persönlichkeiten, die vermutlich damals auf Grund ihrer Arbeiten eine besondere Position innerhalb der Lehre hatten. (Appelt – Körper). In Berlin-Weißensee hat sie später noch einen Abschluss in Kunsttherapie erworben. Neben ihrer künstlerischen Arbeit ist sie – nach verschiedenen Lehrtätigkeiten – seit 2018 Professorin für Kunst und Ästhetik in sozialen und pädagogischen Handlungsfeldern, Bildende Kunst an der FH Bielefeld University of Applied Sciences.

 

 

Die Ausstellungseröffnung wird musikalisch begleitet von Till Bommer.

Till Bommer ist Sozialpädagoge, Musiker, Musiklehrer, Performer mit ganz vielen verschiedenen Einsatzbereichen und Dozent an Hochschulen und Fachschulen. 

Beiden gemeinsam ist, dass sie künstlerische Kenntnisse und Erfahrungen für die pädagogische und soziale Arbeit vermitteln.

Till Bommers Hauptinstrumente sind afrikanische Trommeln, hier besonders die Djembe und die Kora, eine westafrikanische Stegharfe.

 

Susanne Ring hat als Titel der Ausstellung „my private psycho gardening“ gewählt.

 

Gardening, das Gärtnern kann als Metapher für die Pflege von Körper, Geist und Seele verstanden werden.

 

Gedanken und Beziehungen sind die Saat. Sie benötigen tägliche Aufmerksamkeit, Zeit und den richtigen Boden, um aufzublühen.

 

Destruktive Überzeugungen, Gewohnheiten und schlechte Einflüsse müssen erkannt und entfernt werden, damit sie den eigenen Lebensraum nicht überwuchern = jäten.

 

Auch das Beschneiden, Loslassen und Verabschieden von Dingen, die keine Früchte mehr tragen, ist wichtig, damit Energie für anderes frei wird.

 

Schließlich muss man sich auf die Jahreszeiten einstellen: Frühling, Jugend, Herbst, Alter – vieles in nur in bestimmten Zeiten möglich. Und schließlich muss man damit leben, dass einige/ viele Dinge außerhalb unserer Kontrolle liegen.

 

Das sind alles Gegebenheiten, die dem Gärtner, der Gärtnerin bekannt sind - und die sich auch in den Ratgebern für gelingendes Leben finden.

 

Aber die Ausstellung heißt nicht gardening, sondern „my privat psycho gardining“, d.h. es kommen 3 Spezifizierung dazu: my, private und psycho.

 

Aus der Literatur kennt man Autofiktionales Erzählen:

Dabei verschwimmen die Grenzen zwischen wahren Begebenheiten aus dem Leben des Autors mit erfundenen Geschichten zu einem unentwirrbaren Netz. Eine eigene neue Identität wird konstruiert.

 

Gibt es auch Autofiktionen in der Malerei?

Ich zitiere den belgischen Künstler Rinus van de Velde:

 

„Zeichnen hat etwas mit einem Tagebuch zu tun.

Für mich ist es eine Möglichkeit, verschiedene Arten des Selbst zu erschaffen. Ich glaube nicht an das Selbst. Ich bin immer ein wenig misstrauisch, wenn Menschen wissen, wer sie sind, oder vorgeben zu wissen, wer sie sind. Für mich geht es um diese ewige Freiheit, die Geschichte dahin zu lenken, wohin ich will.“

 

Bei einem Besuch im Atelier von Susanne Ring war ich beeindruckt von der großen Zahl ihrer Arbeiten. Man ist umgeben von einem Universum von Figuren, menschenähnlichen, tierähnlichen, amorphen Körpern und Zeichenblättern. Man kann die Fantasie der Künstlerin bewundern, so viele verschiedene Gestalten zu erfinden- aber im Sinne von van de Velde könnte man die Arbeiten auch als Verkörperung verschiedenster Entwürfe des Selbst ansehen. Wie bin ich und wie könnte ich- oder allgemeiner: wie könnte Mensch auch sein?

 

Das Thema Identität findet sich auch in den hier ausgestellten Arbeiten.

Fast alle zeigen Porträts von Frauen. Lauter Selbstbildnisse? Ausdruck einer intimen Selbstreflexion? Visuelle Identitätskonstruktionen?

„Wer bin ich und wen ja wie viele?“ lautet der Titel eines bekannten Buches.

 

Zeigt die Künstlerin verschiedene reale oder mögliche Seiten von sich – oder in jedem von uns liegende Möglichkeiten und Ambivalenzen? In psychologischen Begriffen heißt das dann: Entwurf verschiedener Anteile der Selbstrepräsentanzen. 

 

In einer Ausstellung hier im vorigen Jahr hat Susanne Ring ein Blatt gezeigt, auf dem stand „Ich wachse nicht mehr“, was zu vielen Diskussionen geführt hat – Tenor: das stimmt doch gar nicht – tatsächlich ein Herbst- oder Winterthema des gardening.

 

2001 hatte sie in Tokio eine Ausstellung mit dem Titel „She devil -icke ooch“- wir sehen, das Thema der Identität beschäftigt sie schon lange.

 

Susanne Ring hat ein besonderes Interesse an diesen Themen und an Fragen der menschlichen Beziehungen. Vielleicht hat es damit zu tun, dass sie vor ihrem Kunst- Studium in der Einzelfallhilfe für Familien gearbeitet und Eindrücke und Erfahrungen gesammelt. Eine Prägung, eben ein Faktor der Identitätsbildung.  Das mag sie dazu motiviert haben, neben ihrer künstlerischen Tätigkeit die Aufgabe zu übernehmen, ihren Studierenden in Bielefeld künstlerische Ausdruckformen als wichtiges averbales Beziehungs- und Therapieangebot  zu vermitteln.

 

Bei den hier ausgestellten Arbeiten ist es wie in der Autofiktion: Realität und Erfundenes, Zugefügtes sind unentwirrbar verbunden und vieldeutig interpretierbar wie ein Traum. Eine private Mythologie.

 

Nun sind Sie an der Reihe. Wie die hier ausgestellten Arbeiten Sie ansprechen, berühren, muss jede/jeder für sich erspüren. Vom berühmten Duchamp übernehme ich die Bemerkung, dass der Betrachter/die Betrachterin – neben dem Künstler/Künstlerin - die andere Hälfte der Arbeit bei der Entstehung eines Kunstwerkes zu leisten habe.

 

Erfreuen wir uns also an ihrem Phantasiereichtum und an ihrer Fähigkeit, ihrem Empfinden, ihren inneren Bildern so gekonnt und vielfältig malerisch, zeichnerisch, mit Collagen und Keramik Ausdruck zu verleihen. Vielleicht entdecken wir darin etwas, was mit unserer eigenen Mythologie korrespondiert.

 

Und jetzt können wir uns noch mal erfreuen und inspirieren lassen von der Kora, der westafrikanischen Stegharfe, die Till Bommer zum Klingen bringt.

 

Norbert Hümbs 5.6.2026

 

 

 

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