Zeichnen und Bauen

 

 

 

 

Hallo, ich begrüße sie zur Ausstellung Zeichnen und Bauen mit Arbeiten von Bettina Lüdicke und Albert Markert.

 

Bettina Lüdicke stammt aus Darmstadt. Eine erste künstlerische Prägung hat sie erfahren durch ihre Tante, die Bildhauerin war. Daneben hat sie Impulse aus der Architektur aufgenommen, die früh in ihr ein Interesse für den Raum erzeugt haben. Sie erinnert sich an die Raumeindrücke, die sie als Kind in der St. Ludwig Kirche, der katholischen Stadtkirche von Darmstadt aufgenommen hat. Die St. Ludwig Kirche ist eine Kuppelkirche, dem Pantheon in Rom nachempfunden. Tageslicht fällt durch eine 9 Meter weite runde Öffnung im Kuppelscheitel ein. Der Altar steht in der Kirchenmitte, darüber eine weite Kuppel, welche den geistigen Raum darstellt. Eine Entsprechung findet sich in Berlin in Gestalt der St. Canisius- Kirche in Charlottenburg. Hier wurde neben den kubusförmigen Kirchenraum ein fast ebenso großer leerer Kubus gestellt. Man könnte sagen, der Kuppelersatz, der geistige Raum wurde um 90 Grad gedreht und neben der Kirche positioniert. Mit der Gestaltung des leeren Raumes in annährend gleicher Größe wie der Kirchenraum wird die Bedeutung des geistigen Raumes hervorgehoben. 

 

Zur Kunst ist sie über ihre vorherige Arbeit in einem Restaurationsbetrieb gekommen. Da entstand der Wunsch, nicht nur Fremdes wiederherzustellen, sondern Eigenes zu gestalten.

Und schon früh fand sie in ihrem Studium an der HdK zu den Materialien, mit denen sie noch heute arbeitet, nämlich Bronze- und Kupferdrähte. Bronzedraht wird in einem aufwändigen Verfahren aus Kupfer und Zinn hergestellt, die geschmolzen, legiert und dann weiterverarbeitet werden. Ihre Kupferdrähte bezieht sie, wie auch einige weitere von ihr verwendete Materialien vom Schrottplatz.

 

Aus diesen Materialien baut sie ihre Objekte, wobei sie sich- was auch hier beim gemeinsamen Aufhängen zu beobachten war, zu einer Meisterin der Verknotungen entwickelt hat.

In ihrer Arbeit schafft sie durch Umwickeln sich kreuzender Drähte verschiedene Module. Dabei entstehen Grundformen wie Kreise, Rechtecke, Dreiecke, Kugeln in verschiedenen Formaten, zwei und dreidimensional. Aus diesen Modulen entstehen in einem zweiten Schritt durch Kombinationen und Zusammenfügen fragile, offene Raumkörper.

 

Dabei erkundet sie die Möglichkeiten des Aufbaus und der Materialstabilität, die abhängig ist von der Dichte und Qualität der Verbindungen.

Die meisten ihrer Arbeiten sind patiniert, d.h. durch chemische Oxidationsmittel wird der Alterungsprozess des Materials vorweggenommen.

Einige Arbeiten enthalten kleine farbige Metallflächen, ebenfalls Fundstücke vom Schrottplatz.

 

Die hier gezeigt Arbeiten haben zumeist eine mittlere Größe. Das größte ist mit 110 cm Länge die Arbeit Lüftchen im Schaufenster. Aber es gibt auch sehr viel größere Objekte, u.a. für den Außenraum geschaffene. In ihren Arbeiten werden die Grenzen ausgelotet:

wie groß kann ich bauen, ohne die Stabilität zu gefährden und wie klein ist möglich?

Nach ihrer Erfahrung ist bei etwa 2 Metern die Obergrenze der Standfestigkeit ihrer Drahtkonstruktionen erreicht.

Die kleinen Arbeiten tragen den Titel „Minimal“, d.h. kleiner geht es nicht, die untere Grenze isterreicht.

 

Die Binnenräume ihrer Arbeiten, diese leeren Räume, locker begrenzt von den Drähten, sind ein wesentliches Element ihrer Skulpturen. Und dabei musste ich – kleiner Gedankensprung - an die beiden erwähnten Kirchen mit ihrer Kuppel bzw. dem offenen Kubus denken. Der leere Raum ist frei von Materie aber trotzdem nicht leer. In der religiösen Architektur ist die Kuppel Sinnbild des Himmelsgewölbes und der Verbindung zwischen Menschen und Gott.

Ich zitiere die Künstlerin: „In meinen Skulpturen verknüpfe ich den sichtbaren Raum mit dem innerlich gedachten und gefühlten“.

Das verstehe ich als eine Verbindung der äußeren Realität mit dem inneren Erleben und mit einer Transzendenz, die das einschließt, was nicht durch unsere Sinne oder die Vernunft erfasst werden kann.

 

Auch hier kann man beobachten, wie die Raumkörper auf den umgebenden Raum wirken, ihn durch ihre Schatten und Präsenz verändern.

 

Über den geistigen Raum schlage ich nun den Bogen zu Albert Markert.

 

Albert Markert stammt aus Westfalen. Er hat bis zum 1. Staatsexamen Kunst, Kunstgeschichte, Germanistik und Politik studiert, aber wurde dann doch kein Lehrer. In Berlin folgte ein Zweitstudium Neuere Geschichte u.a. bei Wolfgang Benz am Zentrum für Antisemitismusforschung.

 

Entsprechend dieser facettenreichen Neigungen entwickelten sich denn auch seine Aktivitäten.

Schon ab 1980, da war er Anfang 20, fertigte er Linolschnitte. In diesem Zusammenhang hebt er seinen Kunstprofessor Hartmut Neumann hervor, der ihn quasi als Einziger in seinem sonst unverstandenen künstlerischen Tun unterstützt habe.

 

1996 veröffentlichte er zusammen mit Frank Gieseke das Buch „Flieger, Filz und Vaterland“, eine kritische Beuys Biographie. Darin untersuchen die Autoren die ideengeschichtlichen Bezüge in Beuys Denken und Werk und weisen auf seine durch die NS-Bildung geprägten Vorstellungen hin. Seine Idee des erweiterten Kunstbegriffs sei Ausdruck einer Vorliebe für ein völkisches Sozialismusmodell, so die These.

 

In seiner künstlerischen Arbeit fühlt sich Markert sichtbar angesprochen durch Art Brut. Auch Jean-Michel Basquiat, 22 Jahre nach ihm geboren, findet er interessant und inspirierend, sowie George Gross und Jean Dubuffet, William Turner und die Radierungen von Rembrandt - ein weites Spektrum.

 

Zeichnerisch arbeitet er überwiegend auf Papier – mit Bleistift und Tusche, die er mit Zeichenfeder aufträgt. Er sagt, die Zeichenfeder mache Kleckse und unvorhersehbare Fehler, das sei interessant.

In seiner Kunst kann alles vorkommen oder passieren, so könnte man es zusammenfassen.

In den hier gezeigten Arbeiten finden wir verschiedene Gestaltungen: Zeichnungen, Collagen, übermalte oder über Zeichnungen aufgetragene Drucke. Es gibt gestische und öfter auch erkennbareSchriftelemente. Die Arbeit verläuft ganz assoziativ ohne Skizzen. In Albert Markerts Blättern ist die konventionelle Ordnung aufgehoben.

In vielen seiner Arbeiten kommen Köpfe vor, die mehr oder weniger figurativ gezeichnet sind und die alle möglichen Positionen im Raum einnehmen können.

Es gibt – da verweise ich auf seinen Katalog-  auch eine Gruppe von Zeichnungen mit Tieren oder manchmal nur reduziert auf ein Geweih.

Es hat ihn beschäftigt, ob es möglich ist, die früher für die Wohnzimmerwand geschätzten röhrenden Hirsch- und Hasenbilder zeitgemäß künstlerisch umzusetzen. Diese Motive waren im 19. Jahrhundert sehr verbreitet. Bei Albert Markert kommen sie – vielleicht von Beuys inspiriert – ironisch verfremdet vor und brechen so mit der Naturromantik.

Markert ist ein unermüdlich Arbeitender, der eine Fülle von großen und kleinen Werken geschaffen hat.

2019 beteiligte er sich mit einer auf Rollen beweglichen Raumskulptur an einem Kunstprojekt zum 30. Jahrestag der Deutschen Einheit: 2 minimalistische Haushälften aus Stahlrohr, die man unterschiedlich zueinander positionieren kann und West- und Ostdeutschland repräsentieren. Zueinander, nebeneinander, gegeneinander.

 

2009 hat er den 3. Preis eines Wettbewerbs zum Thema „Welchen Raum braucht das Denken“ gewonnen. Damit schlage ich über den Raum den Bogen zu der Kirchenkuppel mit ihrem geistigen Raum.

Ich zitiere aus der Begründung der Jury des Wettbewerbs, denn ihrem Statement kann ich mich nur anschließen:

„Markerts Arbeit beeindruckt unmittelbar durch seine kraftvolle, wilde und leichtfüßige Mischung von Bildern, Texten, Graphiken und handschriftlichen Notizen. Die Arbeit wechselt permanent die Richtung des Denkens, assoziiert frei vor sich hin und eröffnet einen denkerischen Freiraum“.

 

Seine Arbeiten polarisieren. Die Freunde der röhrenden Hirsche werden sich abwenden. Andere reagieren neugierig und fasziniert auf das Verwirrende und Rätselhafte seiner Blätter.

 

Albert Markerts Arbeiten zeigen in besonderer Weise, dass Kunst ein Freiraum ist, ein Zwischenraum zwischen Realität und Phantasie, wo Experimente, das Ausprobieren von Neuem möglich ist. 

 

Aber Kunst findet nicht im luftleeren Raum statt. Der Freiraum kann durch gesellschaftliche und politische Veränderungen bedroht und eingeschränkt werden, was uns in den Wahlprogrammen besonders einer Partei deutlich vor Augen geführt wird.

 

Der Politik wird deswegen hier auch ein Platz eingeräumt. Am 11. September wird es in der Galerie ein Gespräch zu einem aktuellen politischen Thema geben: „Was macht Hass mit der Demokratie?“.

 

Bettina Lüdicke und Albert Markert haben sich vor dieser gemeinsamen Ausstellung nicht gekannt. Bei der Vorbereitung der Ausstellung und beim Hängen der Arbeiten haben sie/wir viele Verbindungen und Bezüge zwischen ihren Arbeiten gefunden.

 

Wir sind gespannt darauf zu erfahren, wie es Ihnen damit geht.

 

28.8.2026 Norbert Hümbs

 

 

 

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