circlelines - michael.m.heyers

cloud no. three (Bildrechte m.heyers)

 

 

Einführung in die Ausstellung mit Arbeiten von michael m. heyers am 9.August 2019

Michael M.Heyers ist ein Vertreter der konkreten Kunst. Was heißt konkret? Damit ist gemeint, es handelt sich nicht um eine Abstraktion von gegenständlichen Motiven, sondern um eine Darstellung, die allein die Mittel Farbe und Form verwendet. Dem konkreten Künstler geht es nicht um den Ausdruck subjektiven Empfindens, um eine Darstellung unbewusster Strömungen oder persönlicher Stimmungen.

Der holländische Künstler Theo Van Doesburg, der den Begriff der konkreten Kunst  wesentlich geprägt hat, formulierte 1930, dass die konkreten Kunstwerke vollkommen im Kopf des Künstlers konzipiert werden. Es geht kein spontanes intuitives Vorgehen bei der Arbeit mit ins Werk ein. Alles ist gedanklich ausgereift und muss dann nur noch umgesetzt werden. Also im Unterschied zur informellen Malerei  ein völlig anderes, mathematisch- konstruktives Vorgehen.

Max Bill formulierte es so: „Abstrakte Ideen werden in konkreter Form sichtbar gemacht“.  Van Doesburg bezeichnete es als Ziel konkreter Malerei „eine universelle Sprache“ hervorzubringen. D.h.die Kunstwerke sind „entpersonalisiert“, die persönliche Handschrift des Künstlers tritt zurück, es geht um die Sichtbarmachung allgemeingültiger, universeller, logischer Prinzipien.

Der Anspruch der frühen abstrakten Künstler war, über die Beschäftigung mit dem Grundsätzlichen, über die Ästhetik die Gesellschaft zu verändern, dem Betrachter ein freieres Denken zu ermöglichen.

Die konkrete Kunst, deren Anfänge in die 20-iger Jahre zurückreicht (Malewitsch, Mondran, Delauny, Bauhaus) erlebte nach dem 2 Weltkrieg eine Belebung als Gegenbewegung zur Popularität subjektiv- emotionaler Malstile.

Michael Heyers  ist angezogen von den Formen des Kreises und seiner Verwandten: der Kugel, dem Ring, dem Oval. Der Kreis ist vielleicht die älteste vom Menschen wahrgenommene geometrische Figur (Sonne, Mond, Regenbogen). Er gilt als Zeichen des Unendlichen und steht für die Einheit, für das Absolute).Wir sehen geometrische Muster, vorwiegend runde Elemente, Kreissegmente, Ovale, Farben. Nur Weniges ist flächig, meist sind die Arbeiten dreidimensional, einige ausgeprägt skulptural. Die Farben sind überwiegend kräftig. Die Oberflächen erscheinen glatt, glänzend, makellos. 

Michael Heyers hat  zunächst Steinskulpturen geschaffen, darunter eine Reihe von bikonvexen Formen, d.h. stark abgeflachte Kugeln.  Einige frühe Arbeiten sehen Sie auch hier in der Ausstellung.  Diese sehr reduzierte Formensprache erweiterte er in den folgenden Jahren auf andere Materialien, vor allem Holz, aus denen er geometrischen Figuren gestaltet und den Einsatz von Linie und  Farbe. Auch seine knappen Bildtitel erinnern teilweise an mathematische Formeln. 

Michael Heyers spielt mit den Möglichkeiten der Kreisform. Er dekonstruiert  Kreis und Ring, zerlegt sie, faltet sie und fügt sie - in Teilen oder versetzt oder  sich überlagernd - neu zusammen. Der Kreis ist ausgehöhlt zum Ring und gibt sein Inneres frei. Er korrespondiert mit seiner Umgebung, seinem Hintergrund. Einzelne Ringabschnitte verbinden sich und öffnen sich. Es sind dynamische Arbeiten. Man bekommt einen Eindruck von Schwung, von Rotation, wobei sich die einzelnen Elemente unterschiedlich schnell bewegen. In einigen Arbeiten wird die Ringform gerade noch durch einen zarten Steg geschlossen. Die „Sichtweisen“ und „a half dozen ovals“ vermitteln unterschiedliche Farb- und Raumeindrücke je nach Lichteinfall.  Die Proportionen und die Positionierung sind exakt berechnet. Hier verschmelzen Malerei und Skulptur. Eine De- und Rekonstruktion der Kreisform  finden wir auch in den Faltungen „nearly a circle“ und „cloud no.three“.In „way home“ korrespondieren Oval- und Kreisform.Die Arbeiten sind genauestens konstruiert, die technische Ausführung ist perfekt. Die Farbgebung ist mal zurückhaltend grau und weiß, daneben finden wir kräftige Rot-, Gelb- und Blau-Töne. Aus einer Entfernung erscheinen die Arbeiten manchmal flächig wie Malerei, so perfekt ist die Dreidimensionalität gestaltet. Einige der Kreise muten räumlich wie Kugeln und können an fragmentierte Weltkugeln denken lassen. Die Linien lassen eine große Zahl neuer geometrischer Figuren entstehen. Auf die Perfektion der Proportionen und der Gestaltung habe ich schon hingewiesen. Hervorheben möchte ich noch die Brillanz der makellos lackierten Oberflächen.

Von den Arbeiten geht eine kühle Perfektion aus. So glatt, so rein wie kein menschliches Leben ist. Hier ist kein Künstler am Werk, der in seiner Arbeit seine Gefühle sichtbar werden lassen will.

Worum geht es dem Künstler?  Nach der psychoanalytischen Kunsttheorie strebt der Künstler/in in seiner Arbeit eine Verringerung/Lösung unbewusster persönlicher oder kollektiver Probleme oder Konflikte an. Der Lyriker Franz Mon schrieb, dass unter Kunst die verschiedenen Methoden zu verstehen seien, sich das, was es noch nicht gibt, zeigen zu lassen.Dagegen will die konkrete Kunst das sichtbar machen, was es schon gibt, aber nicht so ohne weiteres gesehen wird. 

Marcel Proust: „Die wahre Reise einer Entdeckung liegt nicht im Suchen neuer Länder, sondern im Sehen mit neuen Augen“.

Die konkrete Kunst thematisiert das Grundsätzliche, Universelle, inhärente Gesetzmäßigkeiten. Damit greift sie alte Fragestellungen auf wie die Bedeutung des goldenen Schnitts oder der Fibonacci Zahlen. Ist die Mathematik erfunden oder gefunden?  Auch die geometrischen Figuren werden ja nicht erfunden, sondern eher entdeckt, wahrgenommen. 

Michael Heyers erfindet keine neuen Formen. Er spielt die verschiedenen Möglichkeiten vorhandener Formen durch. Seine Formzerlegung, Umgestaltung und die Schaffung neue Formen macht etwas sichtbar, was latent in der Welt da ist. Er zeigt den Facettenreichtum und die Vielfalt der Variationsmöglichkeiten, die in der Kreisform potentiell enthalten sind. Die Wirklichkeit, die Objekte - und auch die gesellschaftlichen Strukturen - lassen sich in verschiedene Fragmente zerlegen und stellen sich dann je nach Position des Betrachters sehr verschieden dar. Auch bei den Arbeiten von Michael Heyers  kommt es darauf an, wo man steht  und wie das Licht fällt. Davon hängen die Schatten und die wahrgenommenen Farben sowie die Reflektion des Hintergrundes und der Bezug zum Raum ab. 

Man kann die Arbeiten von Michael Heyers dialektisch verstehen: er verweist auf das Absolute und gleichzeitig auf die Relativität. Er verdeutlicht uns die vorhandenen  Gesetzmäßigkeiten – macht uns aber gleichzeitig aufmerksam, wie sehr das Erscheinungsbild, das Wahrgenommene vom Standpunkt des Betrachters abhängt. Sind die Arbeiten allein Ausdruck einer Freude am ästhetischen und konstruktivistischen Spiel? Oder lässt sich neben der ästhetischen und kunsthistorischen Dimension eine zeitbezogene Aussage heraus – oder herein!-lesen? Vielleicht geht es um Fragmentierung, um das Aufzeigen eines dynamischen Nebeneinanders einzelner Elemente. Was bedeutet das, wenn der Kreis, der das Absolute repräsentiert, nicht mehr geschlossen wird? In der Arbeit 7/3 Kreise rot grau wird die Kreisform gerade noch durch eine schmale Verbindung  gerettet. Ist das als positives oder als bedrohliches Zeichen zu deuten oder nur Ausdruck eines ästhetischen Spiels?

Norbert Hümbs

 

 

 

 

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