Sibylle Meister "Primavera"

primavera (Bildrechte Sibylle Meister)

Sibylle Meister hat an der Fachschule für Werbung und Gestaltung und an der  Hochschule der Künste in Berlin studiert. Seit 1997 arbeitet sie als freischaffende Künstlerin.

 

Ihre Werkstoffe sind Öl, Acryl, Pigmente, Kreide, Tusche und Stifte. Gelegentlich erweitert sie ihre Arbeiten durch Einsatz von verschiedensten Fundstücken zu Collagen. Sie hat ein breites Farbspektrum mit kräftigen Rot-, Gelb- und Blautönen und mischt die Farben, um die Farbvielfalt  und die Stimmungen der Natur wiederzugeben. In die übereinander gelegten Farbschichten kratzt und spachtelt sie, so dass teilweise ein Eindruck von Dreidimensionalität entsteht, oder sie verbindet einzelne Farbfelder durch feine Linien. Ihre Themen sind die Natur, Landschaften, die Großstadt, Figuren, Stillleben. In den früheren Arbeiten finden sich öfter graphische und figurative Elemente, die sich mehr und mehr in Abstraktion auflösen.

 

Die Ausstellung „Primavera“ zeigt vorwiegend abstrakte florale Malerei: angedeutete organische Formen, die an Knollen, Samen, Wurzelwerk denken lassen, ein Pflanzengerüst,  die Andeutung einer Blattstruktur, Rankgewächse, rundliche Formen – Früchte?

Die eingestreuten Elemente scheinen in einem farbigen Raum zu schweben, der durch die unterschiedliche Farbintensitäten eine räumliche Tiefe gewinnt. Sibylle Meister  betrachtet die Natur nicht nur mit den Augen, sondern nimmt sie mit allen Sinnen wahr und weiß diese Eindrücke in einem Klangbild aus Farbtönen wiederzugeben.

Dabei ist auch das Nicht-Sichtbare mitzudenken: die Wurzeln des Farb- und Formreichtums liegen verborgen in der Erde. Insofern verweisen ihre Bilder gleichzeitig auf das Geheimnisvolle und „Wunder“-bare der Natur.

Wittgenstein: „Nicht wie die Welt ist, ist das Mystische, sondern dass sie ist.“

 

 

 Einführung Marie-Therese Huppertz in die Ausstellung Primavera (Frühling) (Schlüsselblume)Ausstellung  am 12. April 2018

 

IIch freue mich sehr, mit ein paar Worten zur Eröffnung der Ausstellung Primavera“ mit Werken von Sibylle Meister beitragen zu können.

Primavera: das Frühlingserwachen - lateinische bzw. italienisch für den Frühling, das erste Konzert inAntonio Vivaldis „Die vier Jahreszeiten“, der Titel eines Gemäldes des italienischen Renaissance MalersSandro Botticelli oder, ganz einfach die Blume, la primavera, die Primel.

Und schon sind wir beim Thema dieser Ausstellung:

mit Betreten der Galerie stehen wir mitten im Frühling, in den roten, grünen und blauen Blütenfeldern, diesen bunten Landschaften, die Sibylle Meister in einer Auswahl von Arbeiten aus den vergangenen 10 Jahren vor uns ausbreitet. Von der grünen Wiese mit ihren bunten Blüten, wandert der Besucher teils durch zarte, teils durch tiefblaue Felder, bis er schließlich am Ende seines Spazierganges vor der tiefroten Leinwand innehält. Seine Blicke verlieren sich im imaginären roten Garten, dem Zentrum dieses bunten Parks, das die volle Kraft des neu erwachten Frühlings symbolisiert.

Hier treten deutlich die Farben in den Vordergrund, in all ihren Schattierungen: Rot, Blau, Grün. Die in Schichten aufgetragene Farbe, die Nuancen der Rot, Blau oder Grüntöne, ergänzt durch die hie und da eingesetzten Tupfer von Rot, Grün, Rosa und Blau formen abstrakte Kompositionen, in denen die Farbe, die abstrakte Form und die Linie den Ton angeben. Sie stehen am Ende eines langen Übersetzungsprozesses, der seine Grundlage in der Beobachtung der Landschaft, der Natur findet. Die Künstlerin skizziert und zeichnet ihre Beobachtungen unterwegs zunächst ins Skizzenbuch auf, bevor sie diese dann später im Atelier in einem iterativen Prozess in abstrakte Flächen und Strukturen verwandelt.

Im Farbkanon von Sibylle Meister steht die Farbe Grün für das ewige Werden, das Wachsen, das Leben. Die Farbe Rot beschreibt die Energie, das Lebenselixier, die Kraft, die Liebe. Sie sind Teil des immer wiederkehrenden Zyklus von Werden, Wachsen, Vergehen, einem der zentralen Themen ihres künstlerischen Schaffens.

Die in dieser Ausstellung gezeigten roten und grünen Bilder entstanden 2011 nach einer Studienreise nach Irland. Sie unterscheiden sich insofern von den anderen Werken, als ihre intensive, überschwängliche Farbigkeit im Zentrum der Komposition steht. In diesen Werken wählt die Künstlerin einen radikaleren Ansatz, die Form tritt zurück zugunsten der Farbe, bis hin zu ihrer völligen Auflösung.

Vom romantischen Impressionismus, welcher die Landschaftsmalerei im 19 Jahrhundert kennzeichnete, ist nichts mehr geblieben. Er wich einer radikalen Form der Abstraktion, die Anhaltspunkte im abstrakten Expressionismus sucht.

Das wird deutlich bei den kleineren und helleren Arbeiten, die diese Auswahl ergänzen. Hier sehen wir abstrakte, manchmal sogar fast geometrisch anmutende Formationen, Felder, die die Vielfalt der vom Menschen kultivierten Landschaften in kleineren bunten und größeren weißen Flächen zeigen.

Die stilistische Gemeinsamkeit mit den anderen Werken ist klar zu erkennen:

 

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Insbesondere der graphische Aufbau der Sujets, die Arbeit in Schichten, mal nur mit Farbe, mal mit anderen Materialien, wie Papier oder Pappe, lassen reliefartige Konstruktionen entstehen, die allesamt ihren Ursprung in der Landschaft, in der wunderbaren Natur suchen.

Der Künstlerin geht es in ihren Werken jedoch niemals um die Abbildung des Gesehenen. Vielmehr geht es ihr darum, sinnhaft ihre Beobachtungen der sich zyklisch alljährlich wiederholenden wundersamen Verwandlungen unserer mal mensch-gemachten, mal wilden Natur malerisch zu erzählen.

Paul Klee 1beginnt seine Überlegungen in der „Schöpferischen Konfession mit folgendem Satz: „Kunstgibt nicht das Sichtbare wieder, sondern Kunst macht sichtbar.“

Übertragen auf die vorliegenden Arbeiten von Sibylle Meister heißt das mit anderen Worten: die Werke offenbaren uns das Ergebnis einer zähen Auseinandersetzung der Künstlerin mit ihren Beobachtungen der Natur einerseits und ihren inneren Welten, Gefühlen und Empfindungen andererseits, wie eine kleine Reise ins Land einer besseren Erkenntnis. Sie sind Ort des psychischen Ausdrucks und der künstlerischen Externalisierung der Erinnerung der zuvor aufgesogenen Bilder, ohne diese jedoch getreu ihrem Vorbild zu reproduzieren.

Der irische Maler Nevill Johnsonbeschrieb das wie folgt: “Painting is an encounter. A struggle to uncover intuited structures. Painting is a physical, visceral engagement, a contact with primordial codes. A response and a responsibility. ”

Dem habe ich nichts hinzuzufügen.

 

Abschließen möchte ich diese kurze Einführung mit einem kleinen Frühlingsgedicht von Rainer Maria Rilke:

 

Aus einem April3

Wieder duftet der Wald.
Es heben die schwebenden Lerchen
mit sich den Himmel empor, der unseren Schultern
schwer war;
zwar sah man noch durch die Äste den Tag, wie er
leer war, 
aber nach langen, regnenden Nachmittagen kommen die goldübersonnten
neueren Stunden,vor denen flüchtend an fernen Häuserfronten

 alle die wunden

Fenster furchtsam mit Flügeln schlagen.

Dann wird es still. Sogar der Regen geht leiser über der Steine ruhig dunkelnden Glanz.

Alle Geräusche ducken sich ganz
in die glänzenden Knospen der Reiser.

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