Narziss und Athene

 

                          Melancholie I (Bildrechte Simone Kill)

Reinhard Knodt

ICH – DU – WIR 

diekleinegalerie /Berlin Friedenau  9.11.19  Ausstellung Simone Kill

 

Simone Kill „arbeitet“ begrifflich. Wollte man fragen, welche Begriffe umkreist, so könnte man auf die Ideen „Ich“ – „Du“ und „Wir“ geraten, die Zur Zeit auch philosophischer Zeitgeist werden. Damit wäre zumindest angedeutet, dass ihre Kunst eine „Form der Erkenntnisart“ ist, wie das Schopenhauer einmal sagte. –

Auch die neueren Arbeiten spiegeln keine „Szenen“ im soziologischen Sinne, d.h. sie erzählen keine Realität in Zeit und Raum. Sie verlassen sich stattdessen auf unser archaisches Bildgedächtnis im Zusammenhang mit begrifflichen Ideen. „Erwartung“, „Fokussierung“ „alter Ego“ „Projektion“ „Narziss und Athene“… die Titel deuten es an. Sie behandeln gewisse Fragen, wie man aufeinander sieht – etwa, oder wie man sich „fokussiert“, indem man Stirn an Stirn steht, oder: Wie man „projiziert“, weil man denkt, der andere würde die Realität so sehen, wie man selbst …. Wenn man Simone Kills künstlerischer Arbeit eine Geschichte geben wollte, könnte man sagen, dass ihr ursprüngliches Thema nur das „Ich“ war. Das ist die Zeit bis vor zwei Jahren, wo auch die großen Einzelgestalten ihren Platz hatten, wo in der Ausstellung „Pathos und Distanz“,  die Pose der Einzelfigur das Bild beherrschte. Damals ging es um Unerlöstheit und Einsamkeit, zurückgenommene kraft,  letztes Aufbäumen usw. Die neuen Bilder zeigen nun „Ich – Du“  oder auch Wir- Szenen. Weniger pathetisch, eher still, allerdings auch diesmal von einprägender Schärfe, bis in den letzten Winkel der Schwarz-Zeichnung. 

 

Einige Motive seien herausgegriffen: Zwei Menschen voreinander. Eine nackte Frau und ein Mann im Anzug. Die Hände leer nach oben gehalten, die ihren in eigenartiges Orange getaucht. „Erwartung“.  So etwas könnte auch eine Pornoszene abgeben. Doch deutet sich Anderes an. Was ist die Frau in dieser Ich-du Beziehung, fragen wir unwillkürlich. Was „hat“ eine Frau in solch einer Beziehung zu bieten. Leere Hände? Stille? Ergebenheit? Ihren Körper? -  Der Mann bietet jedenfalls den „Anzug“, die Funktion, die Würde.  Die Frau ist wie eine entkleidete Phryne vor ihren Richtern, jener Hetäre, die das Wunder der Schönheit verkörperte, das alle Männer in ihren Bann zog. Die Richter des Aeropgsvon Theben sprachen Phryne  frei, als sie sie gesehen hatten, weil sie sie für einen Gott hielten. … In einer der Arbeiten von Simone Kill, steht die Frau in einer Art Eva-Position,  in jeder Hand einen Apfel, so als hätte der Mann die Wahl. Wir fragen uns, welche Wahl er hat. Alles in allem dominiert immer die Frau, das Weibliche, auch wenn es nackt und scheinbar nur Objekt ist. Doch auch in diesem Fall bleibt der Mann nur ein Schatten und die Frage, die wir stellen heißt, was er überhaupt anderes als eine Staffage sein könnte (Athene und Narziss ist diesbezüglich entschleiernd! Zwei Frauen)

 

Die interessanteste Arbeit zum  Thema der Reduktion durch das Wir ist eine Frau, die in ein technisches Atommodell greift – (statt zu den Sternen) – und an der sich zwei nackte Männer festklammern und von denen man nicht weiß, ob sie sie hochheben oder herabziehen. Simone Kill nennt das Bild „Dissoziation“, also Auflösung. Die Frau wird also nach Simone Kills Ansicht hier aufgelöst, wie auch in den anderen Dissoziationsbildern, wenn Kinder, Familie, Ehemann und Liebhaber an ihr zerren.

 

Nun noch zu einem wesentlichen Aspekt:

Die Bilder strahlen auf eigenartige Weise Sprachlosigkeitaus. An dieser könnte man verstehen lernen, worum es (nicht nur) beim „Wir“ geht: nicht um „Kommunikation“ nämlich. Es geht um etwas anderes, das ich gern als Korrespondenz bezeichnen möchte. Was heißt Korrespondenz? Es heißt, die Figuren haben miteinander zu tun, allerdings ohne zu „kommunizieren“ – Stattdessen zeigen sie etwas, - vielleicht zeigen sie es auch einander -  wofür die Aufmerksamkeit in unserer Zeit in mancherlei Hinsicht fehlt –  Korrespondenz nämlich. Korrespondenz ist Abgestimmtheit, Gleichklang, gemeinsame Fokussiertheit auf ein gemeinsames Ziel oder eine Form. Auf Korrespondenz käme es heute in vieler Hinsicht an, denn wir leben sicherlich in einer Zeit, in der zu viel kommuniziert wird und in der dennoch zu wenig wirklich korrespondiert. Eine Zeit, die ständig beweist, dass man ja viel miteinander sprechen kann, ohne sich wirklich zu verstehen…

 Korrespondierende Paare also, korrespondierende Gruppen und damit Hinweise auf mögliche Gemeinsamkeiten, (auch in der „Dissoziation“). Das Wir wird dabei gebildet nicht etwa durch fröhliches Miteinander oder durch sprachliches Kommunizieren, sondern durch etwas Imaginäres,  durch etwas , das „herrscht“ – das hinter den Figuren herrscht, wie etwa in dem Bild der zwei jungen Männer, die voreinander sitzen. Es sind die Söhne Kennedys, die sich gegenüber sitzen, nachdem ihr Vater ermordet worden war.  Um sie herrscht etwas – sagen wir eine Atmosphäre des tödlichen, Unausweichbaren, Düsteren… diese beiden brauchen nicht miteinander zu reden, um „zusammen“ zu sein. Sie teilen eine Atmosphäre, die selber ihre Aufgabe stellt! Von dieser Art des eher atmosphärischen, korrespondierenden Zusammenseins ist in jedem der Bilder Simone Kills ein Hauch zu spüren, ein Hauch, der diesen Bildern etwas Metaphysisches, Erkenntnishaftes und damit auch Gedankenerzeugendes gibt! 

 – Es ist hier also, als ob Simone Kill über die Jahre an einem sehr langsam vorgeführten Erkenntnisfortschritt arbeitet, der vom Ich zum Du zum Wir geht. Ein Fortschritt, der auch philosophisch genannt werden kann.  Ich danke Ihnen

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