Susanne Tischewski PAPIER

Ausstellung vom 19. Juni bis 7. August 2020

 

 

                        

O.T. / 2013 / 75 x 100 cm /Gouache auf doppeltem Papier 


Aber wenn Du sagst, daß alles gut wird, werde ich Dir glauben, ich werde aufhören, den Wetterbericht zu zitieren und das Trügerische der Empfindung zu beweisen, ich werde keine neuen Zweifel erfinden, stattdessen die Blumen bewundern, die Du in Vasen stellst, werde nicht länger den verstörenden Geräuschen aus Nachbars Wohnung lauschen, ich werde leise pfeifend die Fensterrahmen streichen, wie Du’s mir aufgetragen hast, und samstags auf dem Wochenmarkt kaufen. Gemeinsam, sagst Du, werden wir es diesmal schaffen. U.T.

 

 

 

Susanne Tischewski hat in Leipzig an der Hochschule für Graphik und Buchkunst studiert. Sie hat als freie Künstlerin gearbeitet, Buchillustrationen gemacht und ein Bilderbuch gestaltet.

Ihr bevorzugtes Material ist Papier, das sie in verschiedenen Formen als Malgrund und als Collage-Element einsetzt. Sie wäscht, reißt, faltet, vernäht und ölt das Papier. Dadurch bekommen ihre Arbeiten einen materialhaften, teilweise reliefartigen, ins Dreidimensionale gehenden Charakter.

 

Der Arbeitsprozess beginnt in der Regel mit einer ersten Zeichensetzung. Sie folgt keinem sprachlich formulierbaren Plan oder Konzept.

 

In Ihren Arbeiten geht es ihr darum, ihre persönliche Wahrnehmung der gesellschaftlichen Gegenwart und ihre eigene Befindlichkeit auszudrücken. Das, was mit Worten nicht gesagt werden kann, wird mit anderen Mitteln zum Ausdruck gebracht. Die verwendeten Materialien erfordern dabei manchmal schnelle künstlerische Entscheidungen, da nach Aushärtung des Farbauftrags Änderungen nicht mehr möglich sind. Ein Vorteil des Papiers gegenüber anderen Malgründen ist, dass es sich immer weiter verwenden lässt: übermalen, zerreißen, neu zusammensetzen usw.

 

Susanne Tischewski gibt ihren Arbeiten meist keine Titel. Sie will den/die Betrachter/in nicht in eine bestimmte Richtung der Wahrnehmung lenken. Nach der Fertigstellung ist das Bild vom Künstler getrennt und ohne seinen Einfluss in den Deutungsbereich des Betrachters gestellt.

 

Wenn der Betrachter sich nun über das Werk äußert, muss er eine ähnliche oder – besser gesagt – umgekehrte Umwandlung leisten wie vorher die Künstlerin, nämlich eine Versprachlichung von etwas, das nicht sprachlich ausgedrückt wurde oder nicht werden konnte.

Dieses Begreifen, die Versprachlichung, der Versuch der Aneignung eines Werkes verlangt Muße, offene Zeit und die Bereitschaft, sich der Unannehmlichkeit auszusetzen, zunächst vielleicht nichts zu verstehen. Das Bild gibt Rätsel auf, zu denen sich – bei günstigem Verlauf – durch eigene Deutungsarbeit und Verknüpfung mit eigenem Erleben Zugänge finden lassen, was zu Berührtsein, Erkenntnis oder Wohlgefühl führen kann.

 

Versuchen wir uns den Arbeiten zu nähern, ohne gleich zu fragen, was es bedeutet und wozu das gut sein soll – d. h. nicht alleine mit dem Verstand!

 

Über 10 Jahre hat Frau Tischewski vorwiegend textbasiert gearbeitet, mit Texten ihres verstorbenen Ehemannes Ulf Tischewski. Dabei trägt sie den Text auf einen Malgrund auf und bearbeitet ihn mit Farben und Formen weiter. Mal wird etwas hervorgehoben, mal bis zur kaum noch vorhandenen Lesbarkeit übermalt. Stellt die malerische Bearbeitung eine Interpretation oder einen Kommentar dar? Oder wird die Schrift nur als malerisches Element benutzt? Vielleicht von allem etwas: Es wird mit malerischen Mitteln ein erweiterter Bedeutungsraum geschaffen.

 

Wenn wir uns gemeinsam vor das Bild setzen könnten und unsere Phantasien dazu äußern würden, wäre der Bedeutungsraum sicher schnell gefüllt.
Von dem Bilderbuch „das machen wir gern“, das 2004 als schönstes Bilderbuch prämiert wurde, liegen einige signierte Exemplare in der Ausstellung aus.

 

 

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transkript einer befragung im vorfeld der

ausstellung
im gespräch oda und susanne tischewski

 

wenn du anfängst mit arbeiten, gibt es da einen plan, gibt’s einen auslöser, gibt es einen anlass und wenn ja, wie könnte sowas aussehen?

 

also, es gibt eine ungefähre vorstellung und dieser vorstellung wird folge geleistet – eigentlich wie ein kind. ich beginne also mit einem ersten strich und daraus entwickelt sich möglichst unbefangen das folgende. mein bevorzugtes material ist papier. ich hab das gefühl, dass papier das material ist, was mir gemäß ist. es ist leicht, und es hat so ein bisschen was vorläufiges. man kann sehr viel damit machen, man kann es tränken, man kann es zerschneiden, man kann es knüllen, man kann es schichten, auch waschen, nähen. also, man kann alles mögliche damit machen und sich oft damit schon mal einen malgrund schaffen, der den schaffensprozess schon eingeleitet hat. außerdem hat papier sowas ... es ist eigentlich nicht tot zu kriegen.

 

ist es denn so, dass du etwas vorbereitest, ist das dann schon teil des arbeitsprozesses oder gibt es noch andere vorstufen, vorbereitungen, voraussetzungen, die erfüllt sein müssen, damit du arbeiten kannst?

 

eine voraussetzung für gutes gelingen ist tatsächlich konzentration und auch, dass man demütig bleibt. dass man also nicht irgendwann denkt, »ach, läuft ganz gut« oder so. also, man muss sehr konzentriert und bei sich bleiben. ich jedenfalls.

 

du hast eben schon mal über materialien gesprochen. du hast gesagt, papier ist das material, was du am meisten verwendest oder was dir am nächsten liegt. wenn du den gesamten arbeitsprozess betrachtest, welchen einfluss hat dann das material? gibt es etwas vor, also welchen einfluss hat das material papier auf deine arbeit?

 

also zum einen ist das so, dass ich, bevor ich die papierarbeiten angefangen hab, da bin ich immer kleiner geworden. ich hab dann regelrecht miniaturen gemacht und war sehr gegenständlich. aber abbilden ist gar nicht mein ding. und das material papier hat mir erlaubt, relativ unbefangen mit großen formaten zu arbeiten. weil es auch so leicht ist und so gut zu händeln; ich arbeite auf’m fußboden. dann kann man auch drumrum gehen und kann es von allen seiten bearbeiten, das fand ich immer sehr förderlich. es hat auch so etwas, ja, dass man bis zum schluss nicht festgelegt sein muss. man kann also immer noch etwas machen, man kann die arbeit übermalen, man kann das papier schichten, man kann es ganz zerstören und neu zusammensetzen. das ist natürlich eigentlich nur mit papier, karton oder so möglich.

 

wenn du anfängst mit arbeiten, wie sieht der prozess dann aus, welche bedeutung haben solche sachen wie fehler, umwege machen, vielleicht auch feststellen, das war der falsche weg, neu anfangen – denkt man in solchen kategorien, wenn man arbeitet? oder denkt man eigentlich nicht in »scheitern«, »fehler«, »neu-anfangen«, sondern ist das alles teil eines prozesses?

 

man macht einfach. man muss die balance finden: das ist das, was ich will und das ist das, was passiert. und wenn’s nicht klappt, dann muss man das halt übermalen oder muss es ... also das sieht man ja dann, ob das jetzt förderlich ist oder nicht. es ist mir halt auch die vorstellung angenehm, dass ich nichts wegwerfen muss. das mach ich auch sonst nicht gerne. also ich hab gerne, dass lebensmittel verbraucht werden, und dass ich, wenn ich kleidung nicht mehr trage, dass man da vielleicht noch was draus machen kann, wenn das material gut ist. wenn ich das ästhetisch finde oder nützlich, dann finde ich den gedanken, dass man es auch wirklich benutzt, ausnutzt ... auch zeitgemäß übrigens.

 

aber wenn das so ein prozess ist, der im endeffekt immer wieder neuanfänge beinhaltet, woher weißt du dann, wenn ein bild wirklich fertig ist?

 

ja, so ganz genau weiß man das eigentlich selten. es gibt schon sachen, die sind fertig, das seh ich auch, und wenn man da jetzt noch dran arbeiten würde, wäre das nur einfach gebossel. aber es gibt auch tatsächlich sachen, die liegen halt dann im graphikschrank und so nach jahren holt man die ’raus und weiß plötzlich, also wenn ich hier noch das dran mache, dann ist es fertig.

 

du stellst ja jetzt arbeiten aus sehr unterschiedlichen zeiten deines lebens, also ’n großen zeitlichen bogen sozusagen, aus. würdest du sagen, dass diesen arbeiten, was deine persönliche einstellung zum arbeiten angeht, eine konstante zugrunde liegt?

 

man arbeitet ja immer in eingeschränkter umgebung. also dieses eingeschränktsein in verschiedener hinsicht, das zieht sich ja eigentlich durch’s ganze leben. man ist politisch einschränkt, finanziell eingeschränkt, persönlich und so weiter, und in diesem eingeschränkt-sein selbstbestimmt zu sein, das ist eine sehr lustvolle erfahrung, weil man die bedeutung von freiheit mittels arbeit erfährt. auch natürlich den schwierigen umgang mit freiheit. also weil man dann unter umständen unvermittelt merkt, dass man kleinmütig wird oder kleinkariert oder dass man seine ursprünglichkeit verliert, dass man also formal einfach auf bewährtes zurückgreift, weil’s so schön einfach ist – da muss man schon immer gucken und bei sich bleiben, und das zieht sich eigentlich durch. in den anfängen der arbeit ist das so gewesen, dass ich mich ja nicht bewusst in opposition begeben habe, um irgendwie politisch aktiv zu sein oder so. ich hab mich einfach auf meine art und weise geäußert und nicht auf die vorgegebene, und war dann schon mehr oder weniger erstaunt, dass das schon ein problem ist. insgesamt ist es wichtig, dass man einfach das vertrauen hat, dass die äußerungen, die man als jemand, der in einer gesellschaft lebt, dass die äußerungen halt doch aus den persönlichen wahrnehmungen gespeist sind und dass die die umgebung schon widerspiegeln. und dass man da auch verstanden wird. das ist nun auch das, was mit meinem freiheitsverständnis nicht zusammenpassen würde, zum beispiel, wenn man den arbeiten titel gäbe. dann führt man das publikum schon an der hand in eine richtung. ich weiß, dass das viele leute gerne haben und das auch möchten und die möchten auch gerne am liebsten das alles nachvollziehen. aber da muss man sich eigentlich gewärtig sein, dass das einem eh’ nicht gelingt. man sollte vielmehr die möglichkeit genießen, dass man sich ganz frei seine eigenen gedanken drüber machen kann und dass das so auch völlig in ordnung ist. es gibt da eine arbeit, die hab ich nach einem text von meinem mann gemacht, das ist eigentlich ein stasi-text, eine befragung. und die nimmt auch so fahrt auf, die wird zwar immer höflich geführt, gipfelt aber in einem satz so sinngemäß, »sie gehen nämlich von hier erst weg, wenn wir hier mit ihnen fertig sind«. und diese arbeit hat in stuttgart gehangen, und eine besucherin hat dann spontan gesagt, genau das kennt sie. und die arbeitete in irgend so ’ner behörde, war aber vorher streetworkerin gewesen und war in diese bürokratie reingeraten und fand da gar nicht diese vergangenheit, sondern ihre aktuelle. und das war schon ganz spannend. dass das auch so funktionieren kann, ist natürlich sehr schön.

 

die ausreise in die bundesrepublik war ja ’n ganz wichtiger bruch auch in deinem leben. würdest du sagen, dass sich die arbeiten in dem moment verändert haben? dass man das so regelrecht ablesen kann, hier ist was passiert, auch wenn es vielleicht nicht sofort in diese richtung deuten würde? aber man sieht, da ist was passiert? oder würdest du sagen, nee, da gab’s schon eine gewisse kontinuität?

 

also, ich würde schon meinen, es gibt eher ’ne kontinuität.

 

also das ereignis selber war wichtig, aber es hat nicht in dem sinne zu ’nem bruch geführt in der arbeit?

 

nee, weil es war ja immer doch eher die auseinandersetzung mit der eigenen person und die person nimmt man ja immer mit.

 

wenn man deine arbeiten anschaut – nicht in allen, aber in einigen gibt es manchmal elemente, die an symbole erinnern. nicht unbedingt symbole, mit denen man sofort bestimmte dinge assoziiert, aber sie haben eine gewisse symbolhaftigkeit, zeichenhaftigkeit, die ins auge springt. würdest du das auch so sehen, und ist es durchaus ein ziel, dass die auch so gelesen werden? oder ist das, wenn, dann eher ’n nebeneffekt, der gar nicht so wichtig ist?

 

symbole, wenn man sie verwendet, haben natürlich immer auch ’n hintergrund. wenn man zum beispiel das kreuz nimmt, ich bin selber agnostiker, trotzdem verwende ich das kreuz, weil es ein allgemein verständliches symbol ist. aber es kann zum beispiel auch einen ort bezeichnen. also das ist auch vieldeutig.

 

gab’s da vielleicht auch schon situationen, in denen leute das anders interpretiert
haben oder was anderes darin gesehen haben? und will man das dann wissen oder stört das eigentlich eher, wenn man konfrontiert ist mit sowas?

 

es macht manchmal ratlos und manchmal ist man verwundert, manchmal ist man auch erfreut, wenn man so verstanden wird oder wenn es eine interpretation gibt, die einem gefällt, an die man gar nicht gedacht hat. aber man muss auch ’n bisschen aufpassen, es darf einen nicht zu sehr interessieren, glaub ich.

 

Weitere Arbeiten

 

O.T. / 1991 / ca. 85 x 91 cm / Papier, gewaschenes Seidenpapier, geölt, Wachs, Deckweiß

O.T. / 2013 / 100 x 122 cm / Tusche, Gouache, Druckfarbe auf Papier 


Nun, da wir abgeschossen wurden, notlanden mußten in unwegbarem Gelände, auf freiem Feld oder auf ner Autobahn, wie im Film, mit zerschossenen Tragflächen, brennenden Triebwerken, nun, da wir entführt wurden von einem Mann mit Gesichtsmaske und fremdländischem Akzent, der die Wasserpistole an unsere Schläfen drückte, was uns offenbar verunsicherte, denn normalerweise sind wir so wasserscheu nicht, daß wir dadurch zu beeindrucken wären. Nun, da wir wieder festen Boden unter den Füßen haben, ist der Boden gar nicht so fest, wie man erwarten durfte, vielmehr schwankt er heftig unter unseren Schritten, und am liebsten wären wir gleich wieder durchgestartet. Nehmen wir uns also bei den Händen, da wir uns beim Wort nicht länger nehmen können, um uns nicht zu verlieren, denn wir spüren unser Aufeinanderangewiesensein in dieser heiklen Situation, laß mich nicht fallen, so werde ich dich nicht fallen lassen, wir schließen bilaterale Verträge, plötzlich geht es, wir gehen stillschweigend zeitlich befristete Nichtangriffspakte ein, wir versichern einander, einander beizustehen, wir bemühen uns, friedlich zu koexistieren, wie in der Zeitung: das alles hätten wir bereits in der Luft tun sollen, doch da schien noch nichts verloren, da summten noch friedlich die Motoren. Langsam gewöhnen sich unsere Sinne aneinander. Überrascht, daß die Wege derart uneben sind, tun wir viel, um unseren Körper fit zu halten, immerhin: jeder Schritt ein Erlebnis. Alles scheint hier Zeit zu kosten. Die Vergeßlichkeit nimmt zu, Geschichten ersetzen die Erinnerung. Wir haben uns füreinander Kosenamen erdacht, nun meinen wir einander unlösbar verbunden. Wir verfügen über einen Code, den nur wir entschlüsseln können, später verstehen wir uns wortlos. Allein der Atem zerreißt die Stille. U.T.

 

O.T. / 2008 / 111 x 132 cm / Gesso auf Karton, Druckfarbe 


Der Bahnhof wird als schmutzig bezeichnet, der Platz vor dem Bahnhof wird als verlassen bezeichnet. Die Sonne wird von dem Heimkehrenden, da er aus der dreckigen, kalten Bahnhofshalle heraus den leeren Platz vor dem Bahnhof betritt, als für die Stunde und Jahreszeit unerwartet warm bezeichnet. Der Weg vom Bahnhof zu der Straße, in der das Haus des Vaters des Heimkehrenden, also das Haus der Kindheit und Jugend des Heimkehrenden steht, wird als der tägliche bezeichnet. Die Straße wird als austauschbar umschrieben, ein andermal wird sie auch gefahrlos genannt werden. Das Haus wird als überraschend unscheinbar bezeichnet. Der Zustand des Hauses wird als vernachlässigt bezeichnet. 
Hier wache ich nachts auf, im Bad, am Ende des Flurs, wasche ich mir Hände und Gesicht, ertaste, Augen voller Seife, das Handtuch auf dem Rand des Waschbeckens, ich gehe zurück ins Zimmer, durchs Fenster fällt das Licht der Straßenbeleuchtung, ich ziehe die Übergardine zueinander, ich schalte das Licht ein, ich öffne die Schranktür, hänge meinen Mantel in den Schrank, ich lege mich wieder aufs Bett, ich warte auf die Rückkehr der Müdigkeit. U.T.

O.T. / 1991 / alle ca. 95 x 65 cm / gewaschenes Packpapier, gewaschenes u. geöltes Seidenpapier, Papiereinschlüsse - linkes Blatt mit Asphalt

O.T. / 1990 / ca. 49 x 74 cm / gewaschenes u. geöltes Seidenpapier, Tusche, Deckweiß, 3 Blätter

 

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